nicht.lustig

... ein subjektiver Kommentar.


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Gedanken über die Lage







Geliebter Feind - Gesellschaftsbeobachtung 05

An diesem Samstag, dem 18.11.2006, führte der Weg wie schon so oft für sehr viele „Demokraten“ nach Halbe. Erneut gab es dickgepanzerte Polizisten, welche die Busse auf den Busbahnhof navigierten und dann und wann kleine Kontrollen abhielten. Erneut sahen viele Halberianer aus dem Fenster und noch mehr blieben in den dunklen Zimmern ihrer Einfamilienhäuser mit dem Flair der kleinbürgerlichen DDR-Architektur. Erneut hatten wenige clevere Halberianer ihr Geschäft offen und boten ihre Speisen feil und machten Umsatz wie sonst nie. Erneut gab es eine Bühne mit hochkarätigen Acts, allesamt anmoderiert von einem blonden Geschöpfchen, das durch piepsige Stimme und kleine Versprecher unangenehm aber belustigend auffiel. Nur eines war anders. Es fehlten die Rechtsradikalen. Man konnte dieses Mal nicht von weiter Ferne die NPD- und Rxeichsflaggen sehen. Keine einzige Glatze funkelte hinter zwei Absperrungen.
Die Rechtsradikalen hatten dieses Mal keine Genehmigung zu demonstrieren. Weder auf dem Friedhof noch in Halbe allgemein. Die Demokraten hatten mit ihrem Aufmarschverbotswunsch etwas erreicht. Sie hatten quasi gewonnen.
Dennoch lag Enttäuschung in der Luft.

Quer über ganz Halbe waren geschätzte 8.000 Leute unterwegs und wussten nicht wirklich wohin. Einige spazierten über den Friedhof um ihre Landsmänner zu gedenken, ohne ultrapatriotische Gedanken zu hegen oder um die „toten Faschos“ zu beschimpfen. Oder man war gemütlich gelangweilt an einem Stand der fünf großen Parteien und nahm Flyer und sonstige Printmedia mit. Oder man ging zur Hauptbühne und lauschte H.-R. Kunzes Liedermachergut.

Das einzige Konfrontationshighlight war die kleine Nazifamilie, die man belagert hatte. Zumindest hielt man sie für eine. Bis zum Ende wurde nicht eindeutig geklärt, wie es sich mit dieser typisch ostdeutschen Familie auf sich hielt. Sie waren mehrköpfig und schauten zu der Menge von Antifaschisten, die sich um ihr Grundstück sammelten. Polizisten, geduldig und genervt, trennten die beiden Parteien und auch als der chorale Singsang „Ihr seid nur ein Karnevalsverein!“ zu den Herrschaften in Grün zurieselte, taten sie nichts. Der Zugriff erfolgte nicht, aber irgendwann wurden die Demonstranten vom Haupteingang verscheucht. Nur um sich herumzuschleichen und über einen anderen Garten hinweg erneut zu rufen, dass deren „Mentalität“ „ungern“ „gesehen“ ist in unserer „Gesellschaft“. Um es geschönt liberal auszusprechen.

Das war es aber auch schon. Der Rest der Menge war mit deutschem „Kaffe und ’ner Bratwurst“ zufrieden. Ein wenig Livemusik. Ein paar andere wiederum lauschten den großen Reden der Politiker der großen fünf Parteien. Nebst versteckte demagogische Eigenwerbung waren doch alle froh, dass das passierte, was passierte, dass alle zum Tag der Demokraten gekommen sind, dass so viele Menschen an dem braunen Dorn im Fleisch der toleranten Gesellschaft zogen und dass der Mut nicht verloren ging.

Ja, der Mut war da. Aber es war eher Unmut.
Den Demokraten und Antifaschisten fehlte das präsente Feindbild. Die Demokratiebemühung, die niemanden zum Anvisieren hatte, wurde nur defokusiert rausgeschickt. Der Wille war noch immer da, doch das antifaschistische Potential kann sich nur im Demonstrationsmoment vollends entwickeln. Wenn dieser Moment nicht durch gegenseitiges Anstacheln provoziert wird, bleibt nur eine Leere, in der jeder gute Wille unkanalisiert im weiten Flächenspektrum ziellos umhertreibt, bis er wirkungslos verpufft. Es wurde ein großer Tag der Demokratie gefeiert, der ohne sein Gegendemoflair eher unerfüllend war.
Man langweilte sich und des Aufmarsches in Seelow wegen fühlte man sich deplatziert. Die Gedanken wurden zwar rübergeschickt, man saß aber in Halbe fest. Man hatte endlich etwas erreicht. Das, wonach man sonst immer gierte. Doch dieses Mal wurde von vielen gequengelt. Es machte sich das Gefühl breit, dass all die rund 8.000 Leute, die in Halbe waren in Seelow fehlten. Der Demokratenüberschuss war somit eine Niederlage. Obwohl man doch siegte.

An diesem Samstag war es weit weniger kalt als im März 06 oder im November 05. Doch die Rückgangsquote war ungleich höher. Viele verließen den Ort schnell, noch bevor es wirklich zum Ende kam.
Ich fragte mich, ob wir umsonst hier seien. Ist es ein (gänzlich) vergeudeter Tag gewesen? Wenn die Antwort „Ja“ ist, wie hoch war denn dann der Sieg der Demokratie?
Im nächsten Jahr kommen die Glatzen zurück. Die Demokraten auch. Die Antifaschisten sowieso. Wir kehren zurück und werden jemanden haben, der gereizt auf all unsere Rufe reagieren wird. Erst dann ist der Sieg vollkommen; erst, wenn es eine klare Auseinandersetzung vis-a-vis (mit 150m abgesperrter Abgrenzung) gegeben hat. Keiner will einen Sieg geschenkt bekommen, dafür waren alle viel zu stolz. Ein kläglicher, falscher Stolz, wenn man es recht betrachtet. Dieses Mal wurde nicht nur viel sondern schier alles juristisch ausgefochten.

Man kann es sich nur so erklären, dass die Demonstrationsmentalität einen klaren Auseinandersetzungswunsch mit sich bringt, wenn nicht sogar gebietet. Wir sehnten uns nach einem Demonstrationsverbot so innig, so gönnerhaft für unsere Gesellschaft und für Halbe. Dennoch waren wir nicht zufrieden.
Die Veranstalter priesen diesen „Tag der Demokratie“ als gelungen. Und auch, wenn sie vollkommen recht haben, blieb ein fahles Gefühl. Frau Roth, Frau Pau, Herr Schöhnbohm und Herr Platzeck loben uns alle dafür, dass wir da gewesen sind. Sie redeten von Würde und Freiheit, von Unantastbarkeit und Zeichensetzung.
Ja, das ist Balsam. Doch der Reiz bestand sonst immer darin, dass diese weit über Lautsprecher getragenen Worte die Nazis auch noch richtig foppen konnten. Am Samstag hörte jeder die Worte und nickte bejahend. Jeder wusste ja, dass es richtig war. Doch am Samstag waren alle hohen Politiker, alle Schlachtrufe und alles Zusammenstehen nur ein kaltes Bier am Winterabend: ganz nett aber ohne vollendeten Effekt.

Rainald Grebe hatte in seiner Kiesgrubenhymne nur bedingt recht: in Brandenburg kann sehr wohl etwas los sein. Es lassen sich pro Demonstration bis zu 8.000 Leute (glücklicherweise auf der braunen Seite nicht mehr als 1.500) mobilisieren. Ja, da steppt der Politikbär in seinen roten Lackschuhen und alle taumeln mit. Doch im Grunde, so lässt sich zusammenfassend wiederholen, wollten die meisten der Demokraten und Antifaschisten nicht diesen Reihentanz, sondern lieber einen Cancan der Auseinandersetzung.



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„Demokraten und Antifaschisten“ wurden getrennt genannt. Demokraten soll jene benennen, die aus Apathie gegenüber dem menschen- und lebensverachtende Diktat des Rassismus’ den Weg nach Halbe antraten.
Antifaschisten soll jene benennen, die aus gleichen Gefühlen wie die Demokraten handeln, sich aber in Organisationen und Gruppen koordinieren, die sich allein den Kampf gegen den Faschismus auf die schwarz-roten Flaggen geschrieben haben.
21.11.06 19:37
 


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