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... ein subjektiver Kommentar.


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Gedanken über die Lage







Hinter'm Horizont des Tellerrandes - Gesellschaftsbeobachtung 01

Zum Thema der Migrationsliteratur in Deutschland.

Wir Deutschen, wir Krauts, wir Germanen haben seit einigen Jahren schon die unschätzbare Fähigkeit des geläuterten Denkens gepachtet. Nach dem Untergang des NS-Regimes konnten wir behaupten, dass Grauen zu kennen, da wir es gebaren. Nach der Wiedervereinigung brachen wir das Wissen aus seinen goldenen Schalen, dass zusammen kommt was zusammen gehört. Nach dem Schicksalsnovember 2005 war selbst der Traditions- und Wertehort Deutschland soweit, eine Frau das Ruder eines sinkenden Schiffes zu geben. Wir können voller stolz auf eine lange Tradition zurückblicken; territoriale Flickenteppiche, Blut- und Eisentonikumwettschlürfen und nicht zu letzt Papst sein.
Den Platz in der Welt haben wir uns somit genommen. Wir sind da, wir sind hier. Doch wer sind wir eigentlich? Wer sind wir heute? Nichts ist schwerer als die Gegenwart zu bestimmen, die so unüberschaubar weil unabgeschlossen ist. Deutsche haben heute noch immer ein Problem sich als Deutschländer zu identifizieren. Immigranten fühlen sich erst recht nicht wie Deutsche, da sie in einem Land sind, dass seine Identität ständig selbst in Frage stellt.
Jack: „In Deutschland leben schätzungsweise sieben Millionen Menschen mit Migrationshintergrund (das sind rund 9%, Stand nach 03/2005).“
Kuttel Daddeldu: „Was treibt jemanden nach Deutschland? Sind es die günstigen Asylbedingungen, das freundliche Aufnahmeklima, die problemlose Unterkunft oder doch die bürokratisch herzliche Willkommenheißung?“
Milieus haben sich etabliert und sind gar zu Stadtteilen geworden. Deutschland kam zu seinen Parallelgesellschaften wie die Jungfrau zum Kinde und kann nicht mehr an sich halten, darüber zu debattieren, ab wann ein Migrant ein Deutscher ist. Migrierst du noch oder staatsbürgerst du schon? mag der eine Lederhosenpolitiker fragen. Wenn da nicht schon der Fehler beginnen möge.

In Deutschland leben namhafte Ausländer wie Vladimir Kaminer, Kaya Yanar und Maxim Biller. Diese Herren schenken uns gerne etwas, das uns in unserer selbstherrlichen Selbstfindung fehlt. Nämlich eine Extrospektive. Sie stellen sich uns mit einer Frage entgegen, die wir zu selten zu fragen wagen; Wer sind wir in den Augen der Anderen? Was ist Deutschland nicht in Deutschland sondern in der Welt. Wie sieht der Teller eigentlich von unten aus?
Man kann einen Deutschen lächerlich einfach skizzieren. Noch einfacher ist es ihn nachzugaukeln. Doch wenn es darum geht, ihn zu erklären, bleiben alle großen Hirne stumm. Die Deutschneurose ist ein von uns selbsterschaffenes Problem, das uns hindert klar und deutlich mit uns ein Resümee zu ziehen. Immigranten und sämtliche Nongermannen halten uns gerne den Spiegel vor Augen, an dem wir sonst vergnüglich vorbeischauen.
Schafsmann: „Der unheimlich große Tellerrand ist Fremdterrain. Fast schon ein Tabu für uns. Auch in unserem Versuch alles zu wissen, alles zu erkennen, fürchten wir uns vor dem, was im Äther liegt.“
Da tauchen lustig ironische Gestalten auf. Wie Biller, der uns andere Welten von ganz anderen Identitätskrisen zeigt. Wie Yanar, der humoristische Selbstdarstellung seiner „eigenen Leute“ mitbringt. Wie Kerim Pamuk, der mit Filmen wie „Süperseks“ gerne zusammenführt was zusammen gehört. Nicht Deutscher und Türke, nicht Deutscher und Deutscher. Die Devise lautet Mensch und Mensch.

Das Deutschland ein Hort der Demokratie, des Menschenrechts und der Gleichberechtigung geworden ist, nachdem es vom Absolutismus zur absoluten Herzogtümerei wechselte, den Flickenteppich zusammenhielt wenn auch umarrangierte, eine „Religion“ gebar die an sich keine ist, zwei Weltkriege unter Kaiser und Führer entfachte, kann man nur als Treppenwitz der Geschichte mit angenehmer Pointe annehmen. Wer so oft die Staatsform wechselt, bleibt gerne mal ratlos. Doch wann kommt im heutigen Denken der Mensch bei uns vor dem Deutsch?
Kriegsquerelen und Rassenideologien sind in ihrer Nichtigkeit unglaublich fastidiös. Die Suche nach nationaler Identität ist unbeschreiblich überflüssig. Was bedeutet schon das Attribut „Deutsch“ in der Vitae, im Pass, auf dem Perso, im Leben? Deutsch ist ein Wort, ein hohles Gefühl von selbsterschaffenen Inhalten ohne Halt, eine unnötige Auszeichnung mit ausgezeichneter Nutzlosigkeit. Ich bin nicht deutsch, weil ich deutsch rede, spreche, unnötig verlängerte deutsche Texte verfasse. Ich bin nicht deutscher wenn ich die Elf im Juni anfeuere und Bier dazu trinke. Ich kann auch nicht am deutschesten sein, wenn ich die Liste aller Bundeskanzler (und der Bundeskanzlerin) auswendig aufliste, wenn ich vielleicht sogar das non-plus-ultra germanische Geheimnis der Weißwurst weiß.

Immigranten können einen wunderbaren Beitrag zur deutschen Literatur leisten. Sie können endlich beweisen, dass es keine „deutsche Literatur“ gibt, nur weil sie aus der BRD auf deutsch verfasst ist. Immigranten können einen wunderbaren Beitrag zur Kultur allgemein leisten. Sie können das stocksteife Denken sprengen, dass es auf die Nationalität ankommt. Nur wer sich einer nationalen Identität lossagt, kann auch wirklich über den Tellerrand sehen.
Jack: „Es emigriere wer kann! Auf zum Kampf aller Nationalitätsidentifikationsversuche!“
9.2.06 21:04
 


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