nicht.lustig

... ein subjektiver Kommentar.


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Gedanken über die Lage







Ey, Neuköln, wa? – Gesellschaftsbeobachtung 03

In einer „renommierten“ Schule Brandenburgs wird Integration und Toleranz großgeschrieben. Hauptsächlich auf den Umgang mit Behinderten gemünzt. Toleranz ist dehn- und formbar. Es lässt sich in allen möglichen Arten und Weisen tolerant sein. Natürlich sind die Schüler dieser Schule offen gegenüber körperbehinderten Personen. „ Das sind ja auch Menschen!“ ist eine beliebte Antwort der Schüler, wenn diese Schule mal wieder in der Zeitung präsentiert wird.
Ein Dialog in der Oberstufe:
Wie, du hast eine 4 in Deutsch!?
Bist doch selbst nicht besser!
Aber solche Fehler mach’ ich nicht. Rechtschreibung haste schon mal gehört, oder?
Fick dich, du Arsch!
Geh doch nach Neuköln. Rütli, ey!
Da haben wir es. Neuköln, 44, ist in aller Munde. Dank einer Schule. Diese Schule ist eine Schule wie andere. Doch sie wurde jüngst populär. Populär bedeutet, sie ist in aller Munde, jeder weiß etwas und weiß damit alles und kann urteilen. Ja, “Rütli” hat sich gemacht. Zu einem Modeschimpfwort. Es impliziert Dummheit, Unwissen, Bildungsferne und ... ja, etwas, das sich Asozialität nennt. Eine sehr tolerante Beleidigung. Es lässt sich schwer tolerant gegenüber Personen sein, die unter einem stehen. Nicht im humanitären Aspekt, sondern unter jenem Fokus, der die Bildung betrifft. Bildung steht gegen Nichtbildung und die Klugen stehen über den Dummen. Das ist normal, das ist gesellschaftsgewollt. Hier beginnt die Antithesis. Unbeliebte werden in Neuköln mit "schwul" und "Krüppel" tituliert, in der besagten Schule werden Unbeliebte mit dem Prädikat Rütli behaftet. Eine Scherenbewegung in der Gesellschaftssoziologie?
Man beleidigt jemanden mit einer unrealen Zugehörigkeit. Das ist die Essenz der Beleidigung. Schlechtes Deutsch, das selbst unter den Deutschen nicht selten ist, wird mit einer Ausländrigkeit belegt, intolerantes Benehmen gegenüber anderen, selbst unter dem Faktum das niemand jedem vollkommen tolerant gegenüber ist, mit Nazismus tituliert, ein gewisser Grad an Allgemeinwissenslosigkeit mit einer benannten Ortzugehörigkeit wird jetzt Rütli genannt.
Das Wort ist kurz, knackig, prägnant und in aller Munde. Ein guter Kandidat für die „Beleidigung des Jahres“

Jack: “Neuköln. An und für sich ein schöner Ort. Ein paar Drogen und Gewaltakte zu viel.
Neuköln als Brennpunkt interkultureller Differenzen. Dort treffen Nationalitäten aufeinander und leben miteinander, harmonieren, reiben sich aneinander und sind eine kleine Gruppe von Fremden in der Fremde.
Alle Medien berichten leidenschaftlich mit gutgemeinter Versöhnlichkeit und großem Mitleid darüber, wie schlimm es doch um die Rütli-Schüler steht. "Und sie können doch nichts dafür!", stöhnen Pädagogen im Chor mit den Berliner Tageszeitungen auf. Aber jeder weiß, wo die Fehler zu suchen sind.
Kuttel Daddeldu: „Die Anonymität innerhalb der Gesellschaft.
Jack: „Soll heißen?
K.D.: „Sie haben keine Bildung und keine Zukunft. Sie fallen durch unsere Gesellschaftstestate durch wie die Fliegen im Gitter. Diese angeborene Ausgestoßenheit in einem offenen System, dass kein Platz bietet.
Kein Platz. Ausgestoßene. Trifft nicht genau das zu?

Toleranz gegenüber Ausgestoßene fällt leicht. An und für sich ist man auch jenen gnädig gegenüber, die in ihrer „Situation“ unverschuldet verhaften bleiben. Nur in diesem Fall macht Rütli eine Ausnahme. Man betrachte die Situation genauer.
Rütli ist eine Hauptschule. In Neuköln. Das ist viel zu nah, als das mann Mitleid fühlen kann.
Die Institution der Hauptschule hat an und für sich den Ruf weg, als Fangstelle für jene zu dienen, die so oder so keine Zukunft haben. Eingerichtet dafür, dass sie jene nicht am Bildungsprozess behindern, die eine Zukunft haben. Wir nennen es dreigliedriges Schulsystem. Realschüler und Gymnasiasten bedanken sich dafür. Hauptschüler fühlen sich verstoßen. Zu recht.
Neuköln als Anlaufpunkt für allerhand Nationen, hauptsächlich aus dem östlichen Raum Europas und noch weiter. Parallelgesellschaft war vor langer Zeit in aller Munde. Heute trifft dieses Schlagwort auf sein Emblem: Rütli. Gewalt, Armut, Asozialität, Unwissen. Eine Brutstätte für Propagandapunkte der NPD und Union. Genau das ist die Wunde, auf die gerne gedrückt wird um Deutschlands größtes Wehwehchen zu benennen.

Schafsmann: „Man kann nun die Hauptschüler und die Ausländer mit einem Wort unter einen Hut bringen! Wie fantastisch für die florierende Beleidigungskultur der unteren Milieus“. Und nicht nur da. Auch alle anderen sozioökonomischen Milieus können sich darauf bauen jemanden gefunden zu haben, der noch immer unter einem steht.
Wie konnte es soweit kommen? Multikausalität ist auch hier zu erwähnen. nicht.lustig hat auch keine Antworten auf die aufgekommenen Fragen. Gibt es überhaupt eine Lösung?
Schafsmann: „Für jedes Problem gibt es eine Lösung. Man findet sie auch leicht. Doch erst nachdem man sich entschlossen hat, radikal oder doch sanft wehmütig zu sein“.
Hauptschule?
Neuköln?
Parallelgesellschaft?
Die Parallelgesellschaft Neukölner Hauptschulen?
Wir wissen es nicht. Aber es wird weiterhin gefragt werden. Antworten und nur Antworten werden gesucht, Meinungen und nur Meinungen werden gegeben. Kriminalität und Armut als Summanden für die Summe Rütli.

Der Kreis um dieses soziokulturelle Problem wird sich weiter drehen. Und so werden auch weiterhin Sprüche gerissen, Witze gemacht, Beleidigungen ausgesprochen. Der Kreis dreht sich weiter und wie die Schraube winden wir uns tiefer, enger, bis es zur Entladung kommt.
Die Angst vor der Entladung der Wut von ethnischen Minderheiten kommt dann und wann in allen Gemütern auf.
Wie tief wird sich diese Schraube drehen?
K.D.: „Bis Rütli nur noch als kleiner Faktor in Erinnerung bleibt. Wir stehen noch auf den oberen Stufen der Treppe. Bald werden wir nicht mehr langsam runterlaufen. Bald wird sich jemand finden, der uns hinunter stößt.
Wir stehen zwischen Offenheit und soziokulturellen Unterschieden, zwischen einer tiefen Intoleranz gegenüber allem, was „unter einem“ steht und der Unfähigkeit dieses zu akzeptieren. Wir sind das Problem. Denn wir sind die Gesellschaft. Klingt sehr verallgemeinert – ist es auch, denn findet man nicht wenigstens einen gemeinsamen Nenner, findet man auch keine Antwort.
12.4.06 15:07
 


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